Ist Wirtschaft ohne Kultur und Kultur ohne Wirtschaft vorstellbar?

Mein Thema lautet „Ist Wirtschaft ohne Kultur und Kultur ohne Wirtschaft vorstellbar?“. Besser wäre eigentlich, es „Kultur und Wirtschaft“ zu nennen, denn zwischen diesen beiden Begriffen ist mehr Wesensverwandtschaft als normalerweise erkannt wird.
Ist Wirtschaft ohne Kultur und Kultur ohne Wirtschaft vorstellbar?
Diese Behauptung wird Widerspruch auslösen; aber ich bin zuversichtlich, den Nachweis antreten zu können. Wirtschaft steht normalerweise für Broterwerb. Sie ist rational, berechnend und ertragsorientiert. Kunst und Kultur hingegen gilt vielen als sprichwörtlich brotlos. Sie sei die emotionale Seite unseres Lebens. Sie sei zwar erwünscht, aber nicht zwangsläufig zum Leben notwendig. Oscar Wilde aber sagt: „Alle Kunst, ist ganz zwecklos - und gerade das macht sie so wertvoll".
Benötigen wir Menschen zum Leben nur Essen, Kleiden, Wohnen? Oder benötigen wir - um ein menschenwürdigeres Leben führen zu können - Kunst und Kultur? Selbst in der Frühgeschichte der Menschheit sehen wir, dass sich die Jäger und Sammler mit kulturellen Dingen beschäftigten - ich darf nur an das Löwenmännchen von der Schwäbischen Alb erinnern, oder an die Felszeichnungen in Südfrankreich und in der Kalahari Namibias. Schon in der Bibel heißt es: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Nur war das natürlich in einem anderen Zusammenhang gesagt, aber zu unserem Menschsein gehört mehr als nur die Befriedigung von Existenzbedürfnissen.
In der Gegenwart trägt die Kultur zunehmend zum Wirtschaftsleben bei. Sie ist auch immer weniger zwecklos im Sinne von Oscar Wilde, sondern sie ist auf wirtschaftliche Zwecke ausgerichtet und ihnen unterworfen. Denken Sie nur an die Buchproduktionen, die trotz der Medienwirtschaft immer noch einen ganz wesentlichen Teil unserer kulturellen Landschaft prägen, oder z.B. an das Produktdesign, das sich als künstlerische Leistung in jedem produzierten, verkauften Gegenstand verbirgt. Gerade in den vergangenen Jahren ist die Kulturwirtschaft weiter gewachsen; sie ist immer wichtiger geworden. Wachsende Umsätze und Arbeitsplätze zeugen davon.
Die Geschichte lehrt uns die Wechselbeziehungen zwischen Wirtschaft und Kultur. Religiöse, kulturelle Ziele führten zu einer beispiellosen Blüte der Wirtschaft. Es sei an Babylon, an Ägypten, an Griechenland, ja an Rom erinnert. Gerade auch die Bautätigkeit im Mittelalter von Klöstern und Burgen und die Explosion künstlerischen Schaffens in der Renaissance sind beredte Beispiele und Beleg, dass Kunst und Kultur die Wirtschaft vorantreiben. Bürgerliche Freiheiten und Wettbewerb sind wesentlicher Teil unserer demokratisch geprägten Wertordnung. Die wiederum ist in umfassende Werte einer Gesellschaft eingebunden. Diese Werte sind es letztlich, die in ihrer Zusammensetzung die Kultur einer Gesellschaft ausmachen. Deshalb sollten sich Unternehmen und Unternehmer für ihr kulturelles Umfeld schon deshalb interessieren, weil es ihnen Existenzgrundlage und Existenzberechtigung ist.
Wie gesagt, Kultur ist nichts Statisches, was einmal geschaffen ist und dann so bleibt. Kultur und ihre in ihr zusammengefasste Werte sind lebendig. Sie entwickeln sich weiter und verändern sich. Treiber in den Veränderungen in den Wertvorstellungen sind gerade Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler, die mit ihrer Phantasie, ihren Ideen und ihren Erkenntnissen Neues wagen, erfinden, ausprobieren und das Risiko des Scheiterns auf sich nehmen.
Das aber ist es, was Wirtschaft notwendig braucht. Der innovative Unternehmer lässt sich vielfältig inspirieren. Er denkt quer und kombiniert neu. Er braucht Kreativität und Mut. Solche Kreativität wird ihm ein spannendes, ein lebendiges künstlerisches, kulturelles Umfeld bieten. Wir haben also wichtige Gründe, weshalb sich Unternehmer und Unternehmen mit Kultur einlassen müssen. Und je mehr sie dafür auch ihre Mitarbeiter gewinnen können, umso größer ist die Chance auch deren Kreativität anzuregen, was von der Produktgestaltung, über das Design, bis hin zum Vertrieb dem Unternehmen wieder zugute kommt.
Deshalb sollten sich Unternehmen ganz eigennützig für Kultur engagieren, und sie durch Spenden und Sponsoring unterstützen. Leider wird meist auf sportliche Events und auf soziale Zwecke ausgewichen, was aber der eigentlichen Sache Kultur nicht dient. Neue Partnerschaften für Kultur und Wirtschaft sollten aber nicht nur auf der finanziellen Ebene, sondern auch auf dem Bereich des Transfers von Kompetenzen entstehen. Mit dem Bronnbacher Stipendium „Kulturelle Kompetenz" hat der Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft im Bundesverband der Deutschen Industrie und die Universität Mannheim Wege bei der Ausbildung künftiger Führungskräfte aufgezeigt.
Davon ausgehend, dass für die Weiterentwicklung der Gesellschaft die kulturelle Kompetenz der Entscheidungsträger unverzichtbar ist, werden Stipendiaten der Universität Mannheim mit namhaften Referenten aus dem Kulturleben zusammen arbeiten, und ihr Ausbildungsspektrum um kulturelle Kompetenzen erweitern. Dies soll den Stipendiaten Zugang zu kreativen Prozessen und Problemlösungen verschaffen.
Man darf aber nicht der Versuchung erliegen, der Kunst und Kultur Fesseln ökonomischen Zweckdenkens anlegen zu wollen. Kunst braucht Freiheit. Sie muss risikobereit sein, sich dem Gefälligen verweigern. Sie muss sperrig sein können. Sie muss scheitern können. Nur auf dem Boden der Freiheit kann sie ihre Potentiale entfalten und diejenigen Wirkungen erzeugen, von denen auch die Wirtschaft profitiert. Deshalb ist es wichtig, dass es - ähnlich wie in der Forschung - neben einer wirtschaftsnahen angewandten Kunst auch weiterhin eine staatlich finanzierte und von wirtschaftlichen Zwängen unabhängige Kunst gibt.
Für unser Land ergibt sich daraus die Aufgabe, um ein verstärktes Engagement der Wirtschaft für Kunst und Kultur zu werben, gleichzeitig aber an seinem traditionell starken Engagement für die Kunst auch in Zukunft festzuhalten. Gotthold Ephraim Lessing sieht dagegen nicht so sehr die Zwecke der Künste für die Wirtschaft, sondern ganz individuell auf den Einzelnen bezogen. „Der Endweck der Künste ist Vergnügen". Kunst als Kulturgut ist unverzichtbar. Die bildende Kunst regt alle unsere Sinne an. Sie lehrt uns Sehen, das genaue Hinschauen. Sie aktiviert unsere Phantasie, sie weckt unsere Emotion, sie macht Freude und sie provoziert. Kunst schärft unsere Wahrnehmungsfähigkeit, Kunst schafft Identität und ist Basis für Innovationsfähigkeit. Kunst macht unser Leben reicher, weitet unseren Horizont, erzieht zur Toleranz gegenüber Fremdem.
Schließen möchte ich mit einem Wort von Ulrich Raulff, dem Leiter des Schiller Nationalmuseums und Deutschen Literaturarchivs Marbach: „Die Kunst ist es, die dem Menschen erlaubt, mit sich bekannt zu werden, sie gewährt ihm die Erfahrung der Freiheit, der Schönheit und der Erkenntnis. Die Kunst ist das große Spiel, das dem Menschen die Welt erschließt" (Raulff). Dr. Dr. h.c. Walther Zügel

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